Espelkamp
Martinshaus
Die „Pax Boys“ - Amerikanische Mennoniten als Entwicklungshelfer
Die Mennoniten Johnny und Grace Gingerich vor dem "Kuhhaus", um 1950.
Die Mennoniten Johnny und Grace Gingerich vor dem "Kuhhaus", um 1950.
Stadtarchiv Espelkamp.

Im Dezember 1948 erhalten Espelkamps Siedler von völlig unerwarteter Seite Verstärkung, die ersten amerikanischen Entwicklungshelfer treffen ein. Die Mennoniten, die seit der Gründung ihrer Freikirche in der Reformationszeit den Kriegsdienst verweigern, beschließen nach dem Zweiten Weltkrieg, den Besiegten auf die Beine zu helfen. Viele der so genannten "Pax Boys“ verpflichten sich, zwei Jahre lang im zerstörten Europa jede anstehende Aufbauarbeit ohne Bezahlung zu verrichten – allein aus dem Motiv der Nächstenliebe.

 [...] Es war fast unbegreiflich, wie selbstlos die amerikanischen Mennoniten waren. Mein Schwiegervater wollte ihnen Geld geben, als sie uns halfen, die Stubben zu roden. Wir konnten nicht verstehen, dass sie ohne Geld oder andere Erwartungen so arbeiteten. [...] 
Gerald Gau, Espelkamp. In: Dr. Ruby Simon.
 [...] Während des Zweiten Weltkriegs gab es in den USA einige Tausend Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen. Nach Kriegsende erfuhren wir, wie Europa unter Kriegsfolgen und Zerstörungen litt. Im November 1946 begann das Mennonitische Zentralkomitee mit einem umfangreichen Hilfsprogramm für Europa. Damals wurde eine Aufbaueinheit zusammengestellt, ich trat im März 1947 in diese Einheit ein. Dann wurde ich versetzt in einen Ort namens Espelkamp in der britischen Zone. Gegen 16 Uhr kamen wir in unserem blaugestrichenen Militärbus vor den Toren von Hedrichshof an. Wegen seiner Farbe nannten wir ihn "Badewanne“. An diesem verschneiten 3. Januar erwarteten uns Milton, Onkel Bill und Mommy Dick. Mommy hatte Tränen in den Augen, aber wir merkten bald, dass es keine Freudentränen wegen unserer Ankunft waren, sondern dass sie von dem Rauch des alten Arbeitsdienst-Herdes herrührten, der sich in der Küche verbreitete, statt durch den Schornstein abzuziehen. [...] 
Johnny Gingerich. In: Espelkamp. Gemeinsam auf neuen Wegen.

So kommen die jungen Amerikaner und Amerikanerinnen auch nach Epelkamp und belegen mit ihren Hauseltern Onkel Bill und Mamie Ruth zwei Schlafsäle in Hedrichsdorf. Die "Mennos" räumen Trümmer weg, klopfen Steine, teilen ihre üppigeren Essensrationen, richten Bibelfreizeiten für Kinder aus, und zu Weihnachten laden sie zu Kaffee und Plätzchen ein.

Die Pax-Boys beim Arbeitseinsatz.
Die Pax-Boys beim Arbeitseinsatz.
Stadtarchiv Espelkamp.

Endlich sind die Espelkamper der "Friedenstruppe“ der amerikanischen Mennoniten für ihren Einsatz so dankbar, dass der 1952 gewählte Gemeinderat beschließt, ein Gelände zur Verfügung zu stellen, um ihre deutschstämmigen Glaubensbrüder aufnehmen zu können, die ebenfalls auf der Flucht aus dem Osten sind. Bald darauf treffen die ersten vertriebenen Mennoniten aus dem Weichselraum ein. 1953 gründet sich die erste Gemeinde. In der Folgezeit wird Espelkamp zu einem Zentrum der mennonitischen Glaubensbewegung mit weltweiter Ausstrahlung – in den 1970er und späten 1980er Jahren der Anlass dafür, dass es mennonitische Rückwanderer aus der UdSSR derart zahlreich nach Espelkamp zieht.

Präses Wilms und Ministerpräsident Karl Arnold bedanken sich bei Johnny Gingerich für die Hilfe der Mennoniten. 1951
Stadtarchiv Espelkamp.
Johnny Gingerich beim Steineklopfen und in der Sonntagsschule.
Stadtarchiv Espelkamp.
 [...] Ihr mögt es glauben oder nicht, aber das Schwierigste in Espelkamp war, den Leuten klar zu machen, wer wir waren. Für viele von ihnen waren wir die verhassten ‚Amis’. Wir sagen ihnen, dass wir um der Liebe Gottes willen gekommen wären. Sie schrien: ‚Wie kann ein lieber Gott so was zulassen?’ [...] 
Johnny Gingerich. In: Espelkamp. Gemeinsam auf neuen Wegen.
Hinweisschild an Neubau, um 1950.
Stadtarchiv Espelkamp.

Literatur & Links

Dr. Ruby Simon: Espelkamp. Geschichte lebendig 1945 - 1959 - Es begann in Hallen und Baracken. Uhle & Kleimann, Lübbecke. 1986

Espelkamp: Espelkamp. Gemeinsam auf neuen Wegen. 1998