Unna-Massen
Landesstelle
Boat People
Ein Schiff mit "Boat people" im Chinesischem Meer in Seenot. Kurz darauf werden die Flüchtlinge von der Cap Anamur gerettet. Mai 1980.
Foto Gérard Klijn.

April 1975 - die Nordvietnamesen erobern Saigon. Wer mit den Amerikanern zusammengearbeitet hat, dem droht als Kollaborateur das Umerziehungslager. Es beginnt ein Exodus aus Vietnam, der sich 1978 zur Massenflucht ausweitet, als das kommunistische Regime beginnt, Privatunternehmen zu enteignen.

Direkte Anrainerstaaten, wie Kambodscha und Laos, kommen als Refugien nicht in Frage, deshalb entscheiden sich die meisten Vietnamesen für eine Flucht über das Südchinesische Meer. In kleinen Holzbooten, die gebaut sind, um auf Flüssen wie dem Mekong zu manövrieren, wagen sie sich hinaus auf die hohe See. Ein Vermögen haben sie für die Plätze in den überfüllten Booten ausgegeben. Ihr Schicksal legen sie in die Hände von Bootsführern, die keine geeigneten Seekarten oder Navigationsgeräte dabei haben und nur wenig Nahrung und Trinkwasser bunkern, damit mehr Platz für Flüchtlinge vorhanden ist. Schließlich sollen ganze Familien mit, vom Säugling bis zum Greis.

Manches Schiff verirrt sich, schnell sind die geringen Vorräte verbraucht. Andere kentern in den Stürmen des Südchinesischen Meeres, und noch eine Gefahr droht: Piraten.

 [...] 18 Personen verließen Vietnam in einem kleinen Boot und wurden im Golf von Thailand von Piraten angegriffen. Ein Mädchen, das sich gegen die Vergewaltigung wehrte, wurde getötet, und ein anderes im Alter von 15 Jahren entführt. Die Piraten rammten das Boot mit den übrigen 16 Personen, die für sie nutzlos waren, so dass alle im Meer umkamen. [...] 
In: 50 Jahre humanitärer Einsatz / UNHCR. Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. Bonn 2000.

Die Boote, die heil über das Meer kommen, werden in Malaysia und Thailand häufig an der Landung gehindert und von der Küstenwache aufs offene Meer zurückgedrängt.

Nur selten erbarmen sich kreuzende Handelsschiffe und nehmen die auf dem Meer irrenden Menschen auf. Nach Angaben der Insassen eines Bootes, das im Juli 1984 die Philippinen erreicht, sind während der 32 Tage auf See etwa 40 Schiffe an ihnen vorbeigefahren, ohne dass auch nur eines ihnen geholfen hat.

Im Frühjahr 1979 gründet der deutsche Journalist Rupert Neudeck zusammen mit Schriftstellern wie Heinrich Böll in Troisdorf bei Köln das private Hilfskomitee "Ein Schiff für Vietnam". Sie möchten, nach dem Vorbild eines französischen Hilfsschiffes, dem Sterben und Ertrinken im Chinesischen Meer ein Ende machen. Die deutsche Bevölkerung lässt sich vom Spendenaufruf begeistern und so kann der Frachter "Cap Anamur" gechartert werden. Mit einem Team aus freiwilligen Technikern, Logistikern, Ärzten und Pflegern erreicht das Schiff am 13. August 1979 das Chinesische Meer.

 [...] Jemand, der am Ertrinken oder vom Ertrinken bedroht ist, den frage ich nicht nach seiner politischen Einstellung, auch nicht nach seiner sozialen Herkunft, auch nicht dann, wenn er gerettet ist. [...] Ich vergleiche die Situation der Menschen, die da im chinesischen Meer um ihr Leben kämpfen, eher mit denen, die von der Mauer oder durch die wirklich nur unter Lebensgefahr zu überquerenden Sperrzonen zwischen der DDR und der Bundesrepublik an der Auswanderung behindert werden. Ich denke wir sollten wirklich zurückgehen auf das Urmotiv der Lebensrettung. [...] 
Heinrich Böll. Interview im WDR III im September 1979 .
Gerettet von einem Walfänger aus dem Südchinesischem Meer 1979.
The U.S. National Archives. ARC Identifier: 558538.
Abholung der "Boat People" für Nordrhein-Westfalen am Frankfurter Flughafen 1979.
Archiv Landesstelle Unna Massen.

Die Geretteten erhalten als so genannte Kontingentflüchtlinge ein gesondertes Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik. Landesstellenleiter Stöcker holt am Frankfurter Flughafen die erste Gruppe der "Bootsmenschen" für Nordrhein-Westfalen persönlich ab.

Die Städte und Gemeinden reißen sich um die vietnamesischen Flüchtlinge. Sie gelten als friedlich, sind meist gebildet und findet sich schnell zurecht im neuen Umfeld.
In der Außenstelle Oberaden in Bergkamen hoffen in den 1970er und 1980er Jahren Flüchtlinge aus 49 Nationen, als "Verfolgte" in der Bundesrepublik anerkannt zu werden.

 [...] Hilfsbereitschaft, die sich an ‚Mode-Flüchtlingen’ orientiert und sich auf die Perioden kommerzieller Gemütsbewegung konzentriert, hilft nach Ansicht von Stöcker nicht sehr. [...] ‚Was wir hier benötigen’, schimpft der Leiter des Massener Durchgangswohnheimes, des größten der Bundesrepublik, ‚ist ganzjährig Weihnachten.’ [...] 
Unnaer Firma schenkt Vietnamesen 1000 Mark. Westfälische Rundschau vom 18. Dezember 1979.
Einkauf im Bergkamener Supermarkt.
Einkauf im Bergkamener Supermarkt.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
 [...] CAP ANAMUR hatte das Gefährlichste an Bord, das ein Schiff auf den Weltmeeren überhaupt befördern kann: Menschen, Asylbewerber, deren Antrag noch nicht abschlägig beschieden worden war. [...] 
Ironische Bemerkung des enttäuschten Initiators der Hilfsaktion der "Cap Anamur", Rupert Neudeck, angesichts der Weigerung der Ministerpräsidenten der Deutschen Länder 1981, weitere Boat People als Kontingentflüchtlinge aufzunehmen.
In: Rupert Neudeck. Die Menschenretter von Cap Anamur.

Angesichts steigender Asylbewerberzahlen Anfang der achtziger Jahre sinkt die Bereitschaft der deutschen Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen. Das betrifft auch die "Boat People".
"Sie seien nur auf der Suche nach einem besseren Lebensstandard, nach Kühlschrank und Kassettenrecorder, und Schiffe wie die Cap Anamur würden erst einen Fluchtanreiz schaffen", sind Aussagen, die Rupert Neudeck zu hören bekommt, wenn er um Aufnahmequoten für Gerettete nachfragt. 1981 knüpft Nordrhein-Westfalen die Unterbringung von weiteren 200 Flüchtlingen an die Bedingung, dass dies die Abschlussquote sei.

Nach öffentlichen Protesten kann die Hilfsaktion noch bis 1986 fortgeführt werden. Zwischen 1979 bis 1986 wird die Cap Anamur zur Rettung von 10.375 Menschen. Die meisten der Flüchtlinge leben noch heute in Deutschland, viele dürfen im Laufe der Jahre ihre Familienangehörigen nachholen.

Gestrandet im Zentrum von Troisdorf. Das letzte Flüchtlingsboot, das Ende April 1982 im südchinesischen Meer durch das Rettungsschiff CAP Anamur aufgefunden wurde mit 52 vietnamesischen Flüchtlingen.
Foto Dietrich Hackenberg.

In Troisdorf haben die "Boat People" von damals dem Komitee der Cap Anamur einen Gedenkstein gesetzt. Hier erinnert auch ein vietnamesisches Holzboot an die verzweifelte Flucht über das Chinesische Meer, bei der vermutlich 200 000 Menschen ertrunken sind. "Wir hätten noch so viele Menschen retten können, wären wir einige Monate früher losgefahren", bedauert Rupert Neudeck.

Heute gibt es Boat People an Europas Außengrenze. Sie wagen die nicht weniger gefahrvolle Flucht von Afrika übers Mittelmeer.

Der Dolmetscher im Wohnheim in Bergkamen
Archiv Landesstelle Unna Massen.
 [...] Wir haben vier Millionen Ausländer, und wir wollen nicht sechs haben, wir wollen die Zahl begrenzt halten. Und wir müssen noch einige auf jeden Fall aufnehmen. Das sind die, die in ihrem eigenen Land auf Leib und Leben verfolgt werden. [...] Viele Menschen kommen aus Vietnam, die auf dem Meer aufgefischt werden in irgendwelchen kleinen lächerlichen Booten, in denen sie zu ertrinken drohen. Das sind Menschen, die Asyl brauchen. [...] 
Bundeskanzler H. Schmidt in der ZDF-Sendung ‚Bürger fragen — Politiker antworten am 11. 9. 1980. In: Das Jahrhundert der Flüchtlinge.
Vietnamesin mit Kindern in der Außenstelle Berkamen 1979.
Archiv Landesstelle Unna Massen.

Literatur & Links

Rupert Neudeck: Die Menschenretter von Cap Anamur. München 2004.

Rupert Neudeck und Gérard Klijn (Fotos): Das Jahrhundert der Flüchtlinge. Ein Schiff für Vietnam. Köln 1980.

50 Jahre humanitärer Einsatz / UNHCR: Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. Bonn 2000.