Unna-Massen
Landesstelle
Von der Zarin gerufen, von Stalin verschleppt - Deutsche aus Russland
Vor der Unterkunft in Unna Massen. Auch die Großmutter ist von Kasachstan mit nach Deutschland gekommen.
Foto Paul Hahn.

"Glasnost und Perestroika – Meinungsfreiheit und Umbau" - Michail Gorbatschow will nach Amtsantritt 1985 zügig das verknöcherte Sowjetsystem reformieren. 1986 erlässt er ein Dekret, das jedem Bürger, auch den Russlanddeutschen, die ungehinderte Ausreise aus der UdSSR erlaubt.
In Unna Massen steigt in Folge die Zahl der Spätaussiedler sprunghaft an. Container werden als zusätzliche Unterkünfte aufgestellt, die Verweildauer im Lager von mehreren Wochen auf vierzehn Tage gesenkt.

Mitte der 1990er Jahre erreicht der Zustrom einen Höhepunkt, als in der Sowjetunion nur halbherzige Reformen wirtschaftliche Krisen auslösen. Doch es sind nicht allein die besseren Zukunftsaussichten in der Bundesrepublik, die die Russlanddeutschen zur Ausreise antreiben. "In der Urheimat als Deutscher unter Deutschen leben zu können", das wünschen sich viele.

 [...] Sagt bloß nicht Ihr seid Russländer, wir waren Deutsche u. bleiben Deutsche, u. haben die deutsche Staatsangehörigkeit. [...] 
Aus einem Brief von in Westfalen lebenden Russlanddeutschen an neu Einreisende Verwandte. 11.12.1974.
Fundstück. Archiv Landesstelle Unna-Massen.

Im Antrag auf Aufnahme als Aussiedler wird unter 9.3 nach der Pflege des deutschen Volkstums in der Sowjetunion gefragt. "Deutsche Weihnachten gefeiert", schreiben einige oder "Deutsche Allgemeine Zeitung gelesen" und einer hat auch notiert "Deutsche Fußballkämpfe im Fernsehen gesehen".

Die Emigranten haben sich in Russland als Kulturträger verstanden und haben auch in der neuen Heimat Deutsche bleiben wollen. Deshalb legen sie von Beginn ihrer Einwanderung im 18. Jahrhundert an großen Wert darauf, ihren Glauben, ihre Muttersprache, ihre folkloristischen Traditionen zu pflegen und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Heiratsurkunde eines Deutschen aus der Sowjetunion, 1970er Jahre.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
Container auf dem Gelände der Landesstelle, 1990er Jahre.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
Menschenzug vor Saratow. 1764 siedeln hauptsächlich deutsche Kolonisten in der Wolgaregion und erschließen Ländereien im Umkreis von 200 km östlich und südlich der Stadt.
Aquarell um 1830. Panoroma von der Wolgaseite. Museum Saratow.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

Die Geschichte der Deutschen in Russland beginnt mit Privilegien. Im Jahr 1763 hat die Zarin Katharina die Große Ausländer aufgefordert, sich in Russland niederzulassen, um die riesigen, den Krimtataren und den Türken abgenommenen Gebiete im Süden zu besiedeln. Sie verspricht in einem Manifest kostenloses Land, freie Religionsausübung, Steuerfreiheit für 30 Jahre, Freistellung vom Militärdienst und eigene Selbstverwaltung.
Tausende aus den von Not und Missständen gezeichneten deutschen Kleinstaaten wandern in das Reich der Zarin aus. Sie kommen aus Württemberg, Schwaben, Baden, der Pfalz, Rheinhessen und dem Elsaß.

 [...] In den ersten Jahren ging es ihnen sehr jämmerlich. Dann, als die Häuser gebaut waren und das Land bestellt und fruchtbar war, ging es aufwärts. Sie bauten eine Kirche, Schule u.s.w. In der Nähe gab es noch drei Deutsche Dörfer: Neuhoffnung, Neuhoffnungstal, Rosenfeld. Die jungen Bewohner dieser Dörfer heirateten untereinander und so wurde das eine große deutsche Gemeinde. Es wurde alles in deutsch geführt, Kirche, Schule, Verwaltung [...] 
Oskar Schweizer. Seine Vorfahren wanderten 1831 in die Schwarzmeerregion.
In: In der Mitte angekommen.

1789 wandern Mennoniten aus dem Danziger Raum und Westpreußen ein. In Samara an der Wolga, in Choritza im Schwarzmeergebiet und Wolhynien entstehen die ersten Siedlungen.
Den streng nach der Bibel lebenden Mennoniten werden zusätzliche Vorrechte eingeräumt: Die Befreiung vom Kriegsdienst für alle Zeiten und die Entbindung von der Eidesleistung vor Gericht. Die Nachfolger Katharinas der Großen bestätigten mehrfach die Privilegien der Deutschen in Russland.

Kinderreichtum (im Durchschnitt sieben), Erbrecht (der jüngste Sohn erhält alles) und das Privileg, Land zu kaufen, führen zur Gründung von zahlreichen Tochterkolonien. Aus 100.000 Einwanderern wächst bis 1917 eine Volksgruppe von 1,7 Millionen heran.

Einwanderer aus Würtenberg tragen Tracht im Kaukasus. Helendorf 1864.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
Das Kamel als Zugtier auf dem deutschen Gut Reimer 1913. Orenburg.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
Werkstatt Russland
Werkstatt Russland
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
"Kolonisten und Neurussische Pflüge" - Werbeanzeige der größten Pflugfabrik im Zarenreich, Johann Höhn, Odessa. Ende des 19. Jahrhunderts.
Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V., Stuttgart.

Fleiß und landwirtschaftliches Können der Russlanddeutschen befördern den wirtschaftlichen Aufschwung in den Kolonien. Bald führen die Häfen am Schwarzen Meer Getreide aus, das vor allem von deutschen Bauern angeliefert wird. Ein Sechstel des russisches Weines werden in deutschen Gütern im Südkaukasus gekeltert. Die "rote Kuh", ein Hornvieh aus deutscher Zucht, ist landesweit begehrt.

Im Wolgagebiet entsteht in und um Balzer eine beachtliche Textilindustrie, in Katharinenstadt eine florierende metallverarbeitende Industrie. Bis zu 1000 Beschäftigte arbeiten in den deutschen Großbetrieben der Südukraine.

Dachziegel der deutschen Firma P.P. Wiens aus Kleefeld, Schwarzmeergebiet.
Aufbewahrt im Museum Detmold.
Foto Dietrich Hackenberg.
Im 17. bis 18. Jahrhundert ist der Apotheker oder Arzt in Russland meist ein Deutscher.
Apotheke in der deutschen Kolonie Helenendorf, Kaukasus.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

Neid auf den wirtschaftlichen Aufschwung und slawischer Nationalismus setzen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Entwicklung der Deutschen in Russland Grenzen.
Im Sommer des Jahres 1871 hebt Zar Alexander II. (1855 - 1881) die alten Kolonistengesetze auf. Nunmehr müssen die Deutschen Wehrdienst leisten. Viele Mennoniten, verweigern auch die Leistung des ihnen angebotenen Ersatzdienstes als Landschaftspfleger (Forsteidienst). Bis 1912 verlassen rund 300.000 Deutschstämmige Russland nach Amerika.

"Russland muß den Russen gehören" und "Ein Zar, ein Glaube, ein Gesetz, eine Sprache" - mit den von Zar Alexander III (1881 - 1894) verfolgten Thesen beginnt die Russifizierung der Völker des zaristischen Reiches.
An deutschen Schulen wird Russisch Pflichtsprache.

Im Ersten Weltkrieg dienen 300.000 Deutsche in der zaristischen Armee. Doch in der Öffentlichkeit darf nicht mehr Deutsch gesprochen werden, die Predigt in deutscher Sprache ist verboten und mehr als drei Deutsche dürfen sich nicht versammeln.
Die sogenannten Liquidationsgesetze von 1915 bestimmen, dass bei allen Deutschen in einem Streifen von 150 km Tiefe östlich der Westgrenze und am Schwarzen Meer "das unbewegliche Vermögen zu enteignen" und dass die Deutschen aus dieser Zone auszusiedeln seien. Viele von rund 200 000 Wolhyniendeutsche kommen während eines monatelangen Transports nach Sibirien um.

Russlanddeutsche bilden den Namen der sozialistischen Sowjet Republik als menschlichen Schriftzug.
Russlanddeutsche bilden den Namen der sozialistischen Sowjet Republik als menschlichen Schriftzug.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

1917 wird in einer bürgerlichen Revolution der Zar gestürzt. Die Umsiedlungen der Deutschen werden gestoppt und am 20. März 1917 verkündet ein "Freiheitsdekret" die Gleichberechtigung der Russlanddeutschen.

Mit Lenins bolschewistischer "Oktoberrevolution" acht Monate später, dem Bürgerkrieg und der Sowjetisierung aller Lebensbereiche beginnt eine widersprüchliche Zeit für die Deutschen. Auf der einen Seite werden viele, die wohlhabend und gebildet sind, als "Kulaken" (besitzende ländliche "Ausbeuter") verfolgt. Kirchen werden im atheistischen Sowjetstaat geschlossen.
Auf der anderen Seite wird 1924 eine "Autonome sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" gegründet. "Stalins blühenden Garten" nennt man in offiziellen Publikationen diese Republik, die zu zwei Dritteln aus Deutschen besteht. Hier werden moderne Produktionsmethoden in Landwirtschaft und Industrie als Vorbild für die ganze Sowjetunion entwickelt. An der Wolga gibt es ein deutsches National- und Kindertheater und das Analphabetentum ist früher als anderswo beseitigt.

 [...] In den Jahren 1936 bis 1938 kamen die Säuberungen und Verhaftungen von Tausenden unschuldigen Menschen, von denen kaum einer am Leben geblieben ist. Eines Nachts hat der Tschorn Woron ["Schwarzer Rabe", das Auto des Geheimdienstes] auch meinen Onkel Josef Usselmann auf Nimmerwiedersehen abgeholt. [...] Bis 1941 erging es den Deutschen nicht etwa ähnlich schlecht wie anderen Minderheiten und der gesamten "Bevölkerung", sie wurden viel mehr verfolgt als andere. [...] 
Wendelin Usselmann
In: In der Mitte angekommen.
Gipsplastik von Jakob Wedel von 1992: Die Verurteilung durch die Troika.<br>Aufbewahrt im Museum Detmold.
Gipsplastik von Jakob Wedel von 1992: Die Verurteilung durch die Troika.
Aufbewahrt im Museum Detmold.
Foto Dietrich Hackenberg.
Ein Russlanddeutscher dient im russisch-japanischen Krieg 1905.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 verschlechtert sich die Situation der Russlanddeutschen rapide. Sie werden in einem Erlass des Obersten Sowjets der "aktiven Unterstützung der deutschfaschistischen Aggressoren" beschuldigt. Von August 1941 bis März 1942 werden etwa 800.000 Angehörige der deutschen Minderheit aus den noch von der deutschen Wehrmacht unbesetzten Gebieten nach Sibirien und Mittelasien deportiert. Hier leben sie in so genannten "Sondersiedlungen" unter Aufsicht der Staatssicherheit.

Männer zwischen 15 und 60 Jahren und Frauen, die keine Kinder unter drei Jahren haben, werden von den Familien getrennt. Sie kommen in die "Trudarmija" (Arbeitsarmee), wo sie in Lagern hinter Stacheldraht Zwangsarbeit leisten müssen.

Deportationserlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 28. August 1941.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
Mutter und Sohn in der "Sondersiedlung" im Altaj-Gebiet, Anfang 1950er Jahre. Der Ehemann ist im Arbeitslager.<br>Sammlung Theodor Thyssen.
Mutter und Sohn in der "Sondersiedlung" im Altaj-Gebiet, Anfang 1950er Jahre. Der Ehemann ist im Arbeitslager.
Sammlung Theodor Thyssen.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
 [...] wie neidisch ich auf die Nachbarskinder war, die auf dem Schoß ihres Vaters saßen. Es war nicht nur Neid, auch Bitterkeit. Sie waren stolz, weil ihre Väter glücklich vom Krieg zurückgekehrt waren. Wir aber waren Nemzy, Faschisten, Fritzen usw. Wir hatten kein Recht auf eine Entschädigung, auf Witwen- oder Kinderrente. Denn wir waren unschuldig schuld. [...] 
Ida Schweigerts Vater ist im Arbeitslager umgekommen.
In: In der Mitte angekommen.
Sani - russischer Transportschlitten - im Verbannungsort Charitonowo, Gebiet Archangelsk.<br>Im Schlitten Helmut Epp.
Sani - russischer Transportschlitten - im Verbannungsort Charitonowo, Gebiet Archangelsk.
Im Schlitten Helmut Epp.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

Erst nach Stalins Tod und dem Besuch von Bundeskanzler Adenauer im September 1955 in Moskau bessert sich die Lage für die Russlanddeutschen ein wenig. Die Kommandanturaufsicht in den Sondersiedlungen wird aufgehoben. Die Rückkehr in die ursprünglichen Heimatorte im europäischen Teil der Sowjetunion bleibt weiter verboten, und konfisziertes Vermögen wird nicht zurückgegeben.

1964 erfahren die Russlanddeutschen aus der Ostberliner Zeitung "Neues Deutschland", dass sie offiziell vom Vorwurf der Kollaboration mit den Nazis rehabilitiert worden sind. In der sowjetischen Presse wird diese Geste Chruschtschows gegenüber der Bundesrepublik erst Monate später - auf Drängen der deutschen Minderheit - veröffentlicht.

"Fufaika", typisch sowjetische Steppjacke. Im Arbeitslager Bekleidungsstück der Russlanddeutschen.
Aufbewahrt im Museum Detmold.
Foto Dietrich Hackenberg.
 [...] Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR darüber, daß die Deutschen, Kalmyken, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Finnen, Letten und andere in die [für sie] bestimmten Rayons auf ewige Zeiten umgesiedelt wurden. Das Verlassen der Ansiedlungsorte ohne Sondergenehmigung der Organe des Innenministeriums wird mit Zwangsarbeit bis zu 20 Jahren bestraft. [...] 
Die Verbannung in die "Sondersiedlungen" wird nach Kriegsende durch ein Dekret des Obersten Sowjets vom 26. November 1948 verlängert.
FAZ vom 10.01.1989.
9. Klasse in Nowodokinka, Kasachstan.<br>Foto Helene Schoch.
9. Klasse in Nowodokinka, Kasachstan.
Foto Helene Schoch.
Stadtarchiv Espelkamp.

In der Zeit der Sondersiedlungen hängen die Deutschen die Fenster noch zu und singen die plattdeutsche Lieder ganz leise, wenn sie nach Brauch der alten Heimat Weihnachten und Ostern feiern.
1957 kann deutsches Leben auch öffentlich stattfinden. In den Schulen mit beschränkter Anzahl deutscher Schüler darf mit Beginn des Schuljahres Deutsch als Muttersprache unterrichtet werden und in Moskau erscheint die erste überregionale deutsche Zeitung nach dem Krieg - "Neues Leben" heißt sie hoffnungsvoll.

Deutsche Lesebücher für muttersprachlichen Unterricht aus Russland, 1970er Jahre.
Verfasst von dem Vorkämpfer für die deutsche Sprache in der Sowjetunion Jakob Wall.
Aufbewahrt im Museum Detmold.
Foto Dietrich Hackenberg.
Russlanddeutsche demonstrieren vor der Botschaft in Bonn für die Ausreisegenehmigung von Familienangehörigen. Bonn 1985.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

Mehrere Delegationen Russlanddeutscher reisen in den 1960er Jahren nach Moskau, um legitimiert durch tausende Unterschriften, eine Rückkehr in die Wolgarepublik zu erreichen. Im Präsidium des Obersten Sowjets überwiegt das Interesse, die zuverlässigen deutschen Arbeiter in den Randzonen der Republik zu halten, wo man nur unter Schwierigkeiten neue Menschen hinlocken kann. Deshalb werden alle Autonomiebestrebungen an der Wolga abgelehnt.

Die Russlanddeutschen sind das einzige Volk der im Zweiten Weltkrieg verschleppten Minderheiten, dem eine Rückkehr in die angestammten Gebiete verwehrt bleibt.

Enttäuscht beschließen viele im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland auszureisen. Doch die wird bis in Perestroika-Zeit hinein nur selten genehmigt.

 [...] Sehr hochgeehrte Herren!
Wir sind eine Gruppe Russlanddeutsche aus dem Dorf Krasnaja Retschka aus Kirgisien, UdSSR, welche aus der UdSSR nach die historische Vorheimat – in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln wollen.
Wir bemühen uns schon viele Jahre [...] die meisten Anträge werden abgelehnt. [...] Bei vielen reichen die Nerven und der Mut nicht aus und sie resignieren und stellen alles ein, weil keine Hilfe nicht da ist. Ist denn keine Rettung nicht da für uns? Will denn keiner uns nicht hören? Wir haben schon oftmals geschrieben an die UNO, an die Bundesregierung und an die Öffentlichkeit. [...] Bitte helfen Sie uns um Gottes Willen. [...] 
Bittgesuch mit 42 Unterschriften an den Generalsekretär der UNO Dr. Kurt Waldheim. Vom 10.05.1975.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
Delegation der Russlanddeutschen in Moskau 1988.
Delegation der Russlanddeutschen in Moskau 1988.
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.
 [...] Die Perestrojka erweckte bei den Deutschen in Russland die Hoffnung, endlich rehabilitiert zu werden und die Wiederherstellung der deutschen Autonomie an der Wolga zu erlangen. [...] Mit der "Wiedergeburt" an der Spitze haben wir auch hart dafür gekämpft bis zu dem Moment, als der damalige Präsident Russlands, Boris Jelzin, den höhnischen Vorschlag machte, eine Autonomie für die Deutschen auf dem verseuchten Gelände der Sowjetarmee in der Nähe von Saratow herzurichten. Das brachte das Fass zum Überlaufen, und die Massenauswanderung begann. [...] 
Nina Lehmann.
In: In der Mitte angekommen.
 [...] Lieber AIDS als Deutsche an der Wolga! [...] 
Plakatspruch nationalistischer russischer Demonstranten gegen die Herstellung einer neuen deutschen Republik an der Wolga Ende der 1980er Jahre.
Irma Geppert. In: In der Mitte angekommen.
Infofaltblatt mit Karte von 1993, auf der Hilfen für Deutsche in der GUS, Georgien und den baltischen Staaten eingezeichnet sind. Z.B. Begegnungsstätten, deutschsprachige Theater oder medizinische Versorgung werden von der Bundesregierung finanziell unterstützt.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
Eine letzte Tasse Tee mit dem usbekischen Nachbarn vor dem Aufbruch nach Deutschland.
Eine letzte Tasse Tee mit dem usbekischen Nachbarn vor dem Aufbruch nach Deutschland.
Archiv der Zeitung Semljaki.

Verschiedene von Deutschland finanzierte Förderprogramme, wie die Neuansiedlung von Russlanddeutschen, Wohnungsbau, Bau von Gemeinschaftseinrichtungen, Ausbau der Infrastruktur und der privaten Gewerbestruktur, sollen in den 1990er Jahren einen Anreiz schaffen, in Russland zu bleiben.
Trotz hoher Fördermittel bleibt der Erfolg gering. Die gegründeten Orte fungieren in der Praxis eher als eine Art "Zwischenlager“ für die Russlanddeutschen auf ihrem Weg in die Bundesrepublik.

Die Landesstelle Unna-Massen nimmt im Zeitraum von 1976 bis 2006 insgesamt 538.149 Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion auf.
Darunter vor allem Familienverbände mit vielen jungen Menschen. Ein großer Gewinn für eine Bundesrepublik, die zu "vergreisen" droht.

Familienverband aus Frunse im Lager Unna-Massen 1991.
Familienverband aus Frunse im Lager Unna-Massen 1991.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
Blick zurück auf die Berge von Usbekistan.
Archiv der Zeitung Semljaki.
 [...] Obwohl wir uns mit unseren Nachbarn - es waren verschiedene Nationen - auch gut verstanden, war unsere Tür sehr oft mit Hakenkreuzen bemalt. Als es sich aber im Dorf rumgesprochen hatte, dass wir die Erlaubnis zur Ausreise hatten, kamen viele Nachbarn und Bekannte zu uns, um Abschied zu nehmen. Nie hätte ich gedacht, dass unsere Familie im Laufe der Zeit doch auch beliebt im Dorf war, denn viele hatten Tränen in den Augen. [...] 
E. Walz. Er reiste mit seiner Familie 1977 nach langem Kampf mit den Behörden aus.
In: In der Mitte angekommen..
Nachgestellte Unterkunft im Dokumentationszentrum der Landesstelle. Ein Aushang im Glaskasten verbietet Vertretern, Händlern, Hausierern und Werbern den Zutritt.
Foto Dietrich Hackenberg.
 [...] Spätaussiedler bei der Ankunft in Massen oft schon pleite.
Die Bahnabteile der Züge, die zwischen Friedland und Unna verkehren, haben sich zu rollenden Warenhäusern entpuppt. Hier kann man so gut wie alles kaufen, was das Herz begehrt. Und der Umsatz ist erheblich. Da werden komplette Wohnungseinrichtungen an den Mann gebracht, Zeitschriften-Abonnements, Kredit oder Versicherungsverträge abgeschlossen. [...] 
Konrad Harmelink in der Westfälische Rundschau vom 16.12.1976.
Auch im Lager wird zusammen mit den Kindern aus der Bibel gelesen.
Auch im Lager wird zusammen mit den Kindern aus der Bibel gelesen.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
"Wir warnen vor einem Mann der sich als Vertreter der Caritas ausgibt und Kochtöpfe verkauft.“
Aushang des Caritasverbandes in russischer Sprache in den Unterkünften.
Archiv Landesstelle Unna Massen.
Der Samowar, ein Stück Russland mit ins Lager gebracht.
Foto Paul Hahn.
Zweisprachige Beschriftung an der Gerhart-Hauptmann-Schule, die der Landesstelle Unna-Massen angegliedert ist.
Foto Dietrich Hackenberg.
Mein Heim in Russland. Gebastelt von Johann Fast aus Erwitte in den 1990er Jahren.<br>Aufbewahrt im Museum Detmold.
Mein Heim in Russland. Gebastelt von Johann Fast aus Erwitte in den 1990er Jahren.
Aufbewahrt im Museum Detmold.
Foto Dietrich Hackenberg.
 [...] Als ich nach Deutschland kam und unsere Verwandten uns vom Bahnhof in Frankfurt/Oder abholten, hat mein Onkel für uns ein Erdbeereis gekauft. Das Eis hat mir so geschmeckt, dass ich sofort die sechstägige Reise nach Deutschland vergessen habe. In den 11 Jahren, die ich in Deutschland lebe, suche ich immer noch ein Eis mit diesem Geschmack, habe es aber noch nicht gefunden. [...] 
Viktoria Weizel
In der Mitte angekommen. Ein Dialog mit Aussiedlerinnen und Aussiedlern. Unna 2005.
 [...] Die Russlanddeutschen kommen vom Land, weil sie in den Städten nicht so willkommen waren, und auf dem Land hatten sie alle ihre Häuser. Deshalb fühlen sie sich hier in Deutschland [in einer Mietwohnung] als Gast, als nicht Zugehöriger. Aber mit einem eigenen Haus erfüllt man sich ein Stück Traum, wo sie sagen: ‚Jetzt habe ich ein Stück zu Hause’, weil jetzt werden [wir] nicht so schnell weggetrieben. [...] 
Aussage eines Bauleiters. Mit russlanddeutscher Nachbarschaftshilfe bauen sich viele zügig nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Eigenheim.
In: DVD-Film „Russlanddeutsche Häuslerbauer. INDIFILM GmbH, Ludwigsburg 2007.
Infobroschüre "Deutsche aus Russland" mit Zeitleiste und Karten.
Integrationsbeauftragter NRW.

Literatur & Links

In der Mitte angekommen. Ein Dialog mit Aussiedlerinnen und Aussiedlern. Unna 2005.

Webseite des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte

Webseite der Lernwerkstatt Russlanddeutsche. Forschungsprojekt der Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Köln

Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.: Volk auf dem Weg. Deutsche in Rußland und in der GUS 1763-1993. Stuttgart 1993.

Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V.: Deutsche aus Russland gestern und heute. Volk auf dem Weg. . Stuttgart 2006.