Espelkamp
Martinshaus
Flüchtlinge vor Trümmerlandschaft
Gesprengter Muna-Bunker im Wald
Gesprengter Muna-Bunker im Wald
Stadtarchiv Espelkamp.

Keimzelle der Geschichte von Espelkamp ist eine Munitionsanstalt der Wehrmacht. Irgendwo abseits in Ostwestfalen liegen 60.000 qm überdachter Raum zur Herstellung von Munition im Wald versteckt, die Werkshallen und Bunker mit Tarnnetzen überspannt. Eigentlich sollte hier von den russischen Kriegsgefangenen Giftgas produziert werden. Darum soll die so genannte "Muna" nach den Entmilitarisierungsbestimmungen des Potsdamer Abkommens als Kriegsanlage völlig zerstört werden. Aber bereits seit Juni 1945 beginnen die ersten Flüchtlinge in eben jenen Baracken zu hausen, in denen während des Krieges russische Kriegsgefangene untergebracht waren. Die Barackensiedlung nahe der Muna heißt im Volksmund auch nach dem Krieg noch "Klein Moskau".

Waschbaracke der "Kolonie" in Hedrichsdorf.
Waschbaracke der "Kolonie" in Hedrichsdorf.
Stadtarchiv Espelkamp.
 [...] Die Ruhe und die Majestät des das ganze Gelände beherrschenden Waldes forderten dazu auf, den Flüchtlingen und entlassenen Kriegsgefangenen hier eine Stätte der Erholung, der Umschulung und des Eingewöhnens und vielleicht auch eine neue Heimstatt zu schaffen. Jetzt aber beherrschten noch Rehe und Hasen und Füchse das Feld [...] 
Didlaukies, Walter (ehem. Geschäftsführer Evangelisches Hilfswerk). 1948
Ankunft einer Flüchtlingsfamilie in Espelkamp 1949
Stadtarchiv Espelkamp.

Noch ist die Muna selbst gesperrt, sie wird von einer schottischen Einheit bewacht. Die Kolonisten kriechen in den frühen Morgenstunden unter den Zäunen durch, um die zerstörte Anlage heimlich auszuschlachten. Decken, Fahrräder, Wasserhähne, Lichtschalter. Aus Munitionshülsen werden Öfen und Teile geheimer Schnapsbrennereien, Zähne werden mit der Schmiedezange gezogen. Die gesprengten Bunker werden als Steinbruch benutzt.

Ohne Baugenehmigung schlagen die "Siedler" im Spätsommer 1949 Fenster in die Hallen, unterteilen sie mit selbst gebrannten Lehmbausteinen und richten sich häuslich ein, um vollendete Tatsachen zu schaffen.

Die Unterkünfte in der Kolonie sind zunächst äußerst primitiv. Bis zu sechs Familien leben in einer Baracke. Manchmal haben sie nur einen Topf zur Verfügung, das bringt sie nah zusammen. Trotz aller Einschränkungen drängen sich alle darum, Wohnraum in einer der Baracken zu ergattern. Die Tatsache, dass "Flüchtlinge" 1948 bereits ein eigenes Haus bewohnen, ist sensationell.

Der wilde Aufbau soll verboten werden, aber die Behörden resignieren vor dem energischen Lebenswillen und kapitulieren vor dem wachsenden politischen Selbstbewusstsein der eingeschworenen Gemeinschaft:

 [...] Wir Ostvertriebenen sind zwar gegen den Kommunismus immun, aber wenn man uns derart behandelt und entrechtet, werden wir wohl eines Tages zu dem bewussten Strohhalm greifen. Der Bezirksplaner wird es sich dann beim Planen in den Weiten Sibiriens überlegen können, ob es richtig war, einem aufbauwilligen Ostvertriebenen durch engstirnige Maßnahmen den Aufbau einer Existenz zu unterbinden. [...] 
Offener Brief an den Regierungspräsidenten Heinrich Drake, Namenspatron der späteren Heinrich-Drake-Siedlung. 1950

Die offizielle Genehmigung zum Siedeln lässt nun nicht mehr lange auf sich warten. Endlich kann man bleiben.

Ankunft der Bromberger Kinder
Ankunft der Bromberger Kinder 1948
Stadtarchiv Espelkamp.

Die evangelische Kirche richtet ein Kinderheim für Bombenopfer aus dem Ruhrgebiet ein. Im selben Jahr trifft ein "Transport" mit Kindern aus dem polnischen Lager Portulice ein – ehemals ein deutsches KZ. Die so genannten "Bromberger Kinder" waren Jahre zuvor von ihren Eltern getrennt worden und hatten ein Lagerleben aus Arbeit, Hunger und Schlägen überstanden. Als sie in Espelkamp eintreffen, können sich die Jüngeren nicht an ihren Namen erinnern. Auch ihr Alter können sie nicht angeben, man schätzt es aufgrund ihrer Zähne. Wie verwilderte kleine Tiere fliehen sie in der ersten Nacht aus ihren Betten zurück in den Wald.

Munazaun 1945
Stadtarchiv Espelkamp.
 [...] Ja, wir waren natürlich froh, dass wir jetzt wieder einmal etwas Eigenes hatten und nicht immer mit fremden Leuten zusammenwohnen mussten. [. . .] aber unsere Mutti hat doch sehr gelitten unter dieser ganzen Primitivität [...] 
Espelkamperin aus Ostpreußen. In: Hannelore Oberpenning. 1995
Umbau einer Munahalle 1949
Stadtarchiv Espelkamp.

Literatur & Links

Dr. Ruby Simon: Espelkamp. Geschichte lebendig 1945 - 1959 - Es begann in Hallen und Baracken. Uhle & Kleimann, Lübbecke. 1986

Oberpenning, Hannelore: Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat… Espelkamp – Geschichte einer Idee. Essen. 2002

Internetportal "Aufbau West. Vertreibung und Wirtschaftswunder", des LWL-Industriemuseums. 47 Lebensgeschichten dokumentieren Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Ankunft im Westen, Neuanfang und Integration.